Talis 2025
105 Die Funktionalität der Stadt im Fokus PROJEKTE & KONZEPTE Jürgen Rauch, promovierter Ingenieur und Obmann für Städ- tebau und Landesplanung für das Präsidium der Vereinigung freischaffender ArchitektInnen Deutschlands (VfA). Dies be- ginne mit der neuen Vision einer Stadt: Natur, Wohnen und Technik seien voneinander abhängig, auch die Frage der Mo- bilität der Menschen, der Flächenverbrauch des modernen Lebens und der allgemeine Ressourcenverbrauch. „Die Stadt wird sich verändern, sie wird grüner werden, aber gleichzeitig auch kompakter, höher, flächensparender. Architekten und Bauingenieure werden sich mehr um die Funktionalität der Städte kümmern – eine funktionierende Wasserversorgung, Wasserentsorgung, Energieversorgung und Mobilität werden nicht mehr selbstverständlich sein – gleichzeitig muss die dafür erforderliche Infrastruktur nachgehalten, erneuert und auch verbessert werden“, meint der Obmann für Städtebau und Landesplanung für das Präsidium der VfA. Er ist sich zu- dem sicher, dass Züge im innerstädtischen Bereich, als unter- irdische Bahnen und Stadtbahnen auf eigenen oberirdischen Wegen, neben Mikromobilität im Quartier, auf der Fläche der Metropolregionen und ihrer ländlichen Umgebung ausgebaut und zugleich fahrerlos, automatisch laufen werden. Sichtbarer Transformationsdruck Diese Anforderungen haben Folgen für die Städte und Kom- munen in Deutschland. „Unsere Innenstädte unterliegen – in der jüngsten Zeit vermehrt – einem sehr sichtbaren Trans- formationsdruck. Für Architektinnen und Architekten gleich welcher Fachrichtung, Planung einzelner Objekte, Städtebau und Stadtplanung sowie Landschaftsarchitektur, ergibt sich eine Reihe neuer Aufgaben“, betont Jürgen Rauch. Als Aufga- ben zählt der freischaffende Architekt, Sachverständige und Industrieberater im Infrastrukturbereich wie folgt auf: „Die Verkehrsbelastung in den Innenstädten soll reduziert werden, gleichzeitig soll öffentlicher Raum in höheremMaße den Men- schen gewidmet werden. Innenstädte und die Menschen, die sich dort aufhalten oder wohnen, sind aufgrund ihres hohen Bebauungs- und Versiegelungsgrades gegen die Folgen des Kli- mawandels zu schützen.“ Um dies zu erreichen, müssten möglichst viele Flächen ent- siegelt werden, um dem Regen unabhängig von der Kanalisa- tion, deren Kapazität gefordert oder gar überschritten wird, die Möglichkeit der unmittelbaren Versickerung zu geben. Gleichzeitig seien bauliche Objekte möglichst so zu gestalten, dass zum Beispiel begrünte Dachflächen einen Teil des Regens zurückhalten und durch langsamere Verdunstung auch das Mikroklima in der Stadt verbesserten. „Die Wirkung sommer- licher Hitze wird vor allem durch hochstämmige Bäume stark reduziert. Diese sollten daher, wo vorhanden, unbedingt erhal- ten und andernorts neu gepflanzt werden“, rät der Stadtpla- ner. Soll ergänzend zu den genannten Aufgaben der dringend benötigte soziale Wohnraum geschaffen werden, stoßen die Fachleute jedoch auf Widersprüche, die es zu meistern gilt: „Ummehr Wohnraum zu schaffen, müsste gleichzeitig wieder mehr grüne Fläche der Innenstadt in Anspruch genommen und versiegelt werden. Wie schafft man eine grüne Stadt mit möglichst wenig Versiegelung und gleichzeitig mehr Wohn- raum? Das kann nur durch Aufstockung gelingen, dort wo es technisch möglich – Statik – und städtebaulich sinnvoll ist.“ Viele Städte setzen, anstatt neue Flächen an der aktuellen Bebauungsgrenze zu erschließen, auf die Umnutzung beste- hender Gebäude und Verdichtung innerstädtischer Quartiere. „Den Innenstädten muss auf neue Art und Weise Leben gege- ben werden – sei es durch neue Arbeits- und Freizeitkonzepte, Cafés, die sich als Treffpunkte immer noch großer Beliebtheit erfreuen, und durch viele andere Maßnahmen. Viele Büroge- bäude werden unter anderem wieder zu Wohnungen. Gerade in kleineren und mittleren Städten werden zahllose ehemalige Warenhäuser umgewidmet und umgebaut“, berichtet Jürgen Rauch. Die in den Berufsfeldern der Architektur Arbeitenden müssten alle diese Ideen mit den Menschen in der Stadt be- Kurzvita Jürgen Rauch Dr.-Ing. Jürgen Rauch, Architekt und Stadtplaner, von 2000 bis 2012 Vizepräsident der VfA und Vertreter des Verbandes im Archi- tects' Council of Europe (ACE), studierte an der Technischen Uni- versität (TU) München und an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) Architektur und promovierte in einer ingenieurtechnischen Richtung an der TU München, dem Bau von Untergrundbahnhöfen. Er arbeitete in nahezu allen Bereichen der Architektur, im Wohnungsbau, Gewerbe- und Industriebau sowie im Verkehrsbau. Von 2015 bis 2021 war er Stadtbaumeister und Leiter des Baureferats in Sonthofen, Landkreis Oberallgäu. Heute arbeitet er als freischaffender Architekt und Stadtplaner, Sachver- ständiger und Industrieberater im Infrastrukturbereich. Er ist seit 2024 Obmann für Städtebau und Landesplanung für das Präsidium der VfA.
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