Talis 2026

109 Zukunftsweisende Innenstadtentwicklung PROJEKTE & KONZEPTE halb historischer Stadtkerne auf bislang unbebautem Raum, die primär mit dem PKW zu erreichen sind – entziehen den Innen- städten Frequenz und Kaufkraft. Der Zusammenbruch traditi- onsreicherWarenhauskonzerne hat diese Entwicklung beschleu- nigt: Ehemalige Innenstadtmagnete wurden zu städtebaulichen Problemzonen. Dem Leerstand entgegenwirken „Wirtschaftsförderungen der Städte und Stadtplanungsämter, wie auch zahlreiche Dienstleister für Stadtplanung und Einzel- handelsforschung, sind gemeinsam bestrebt, Wege zur Verbes- serung der Attraktivität und Aufenthaltsqualität der Innenstäd- te zu suchen. So werden beispielsweise Programme aufgestellt, um diese Qualität gemeinsam zu erreichen“, weiß Jürgen Rauch und nennt als instruktives Beispiel Sonthofen im Oberallgäu. Trotz touristischer Lage und zentraler Funktion für rund 60.000 Menschen verlor auch diese Stadt prägende Betriebe. Mit einem „Masterplan Innenstadt“ reagierte die Kommune: Dieser bein- haltet weniger Verbote und stattdessen mehr positive Impulse. Märkte, After-Work-Formate, hochwertige Gastronomien, eine bewusste Mischung aus inhabergeführten Geschäften und be- kannte Filialisten sowie ein stadtweiter Einkaufsführer schufen neue Anziehungspunkte. Unterstützt wurde dies durch das För- derprogramm „Neue Läden und Ideen für Bayerns Innenstäd- te“. „Wichtig bei der Umgestaltung ist dabei auch die Gewähr- leistung der Zugänglichkeit der Innenstädte bei gleichzeitigem Freihalten von Straßen und Plätzen der Innenstädte von zu viel Autoverkehr“, betont der Architekt und Stadtplaner. Verkaufsflächen strategisch planen Laut ihm ist zur Innenstadtentwicklung ein Bündel koordinier- ter Maßnahmen notwendig. Dazu gehöre einerseits die aktive Befüllung von Leerständen sowie die Ansiedlung von Cafés und Restaurants, wie sie etwa Bad Kötzting in der Oberpfalz erprobe, andererseits eine differenzierte Einzelhandelspolitik. „Wenn es durch Bauleitplanung zudem gelingt, ein Überangebot an groß- flächigem Einzelhandel ,auf der grünen Wiese‘ einzuschränken, so kann das für die Innenstädte von Vorteil sein. Besser ist noch, großflächigen Einzelhandel auch in der Innenstadt zuzulassen und städtebaulich zu begleiten“, ist Rauch überzeugt. Auf die- se Weise könnten Menschen zumindest außerhalb dieser inner- städtischen Einkaufszentren in kleinere, inhabergeführte Läden „ausschwärmen“, führt der Stadtplaner aus. Als ein funktionie- rendes Beispiel dafür nennt Jürgen Rauch das „Forum“ im Zent- rum der Allgäuer Mittelstadt Kempten. Besonders komplex sei der Umgang mit leerstehenden Kauf- häusern, führt Jürgen Rauch an. Ihre Umnutzung zu Wohnen, Kultur oder Mischnutzungen sei planerisch anspruchsvoll, aber notwendig. Für Planer heißt das: Flexiblere Grundrisse,größere Geschosshöhen, robuste Tragstrukturen und eine Architektur berücksichtigen, die Wandel nicht verhindert, sondern ermög- licht. Darüber hinaus seien auch die kommunalen Akteure ge- fordert, damit unrealistische Mietvorstellungen nicht länger die städtische Entwicklung blockierten, ergänzt der Stadtplaner. Klimaanpassung als Gestaltungsaufgabe Nicht nur der Leerstand von Geschäften und Kaufhäusern muss in Zukunft bewältigt werden, es gilt auch, die Folgen der spür- baren klimatischen Veränderungen aufzufangen. Hitze, Starkre- gen, Stürme und Trockenperioden treffen Innenstädte besonders stark. Entsprechend rückt die klimaresiliente Stadtgestaltung in den Fokus, die auch die Luftqualität im Blick behalten sollte. Die Schwierigkeit dabei ist, Zielkonflikte produktiv aufzulösen: So erhöhen kompakte Bauweisen die Urbanität, benötigen aber Ausgleich durch Grün, Wasser und Entsiegelung. „Insgesamt ha- ben wir das Ziel, keine neuen Flächen mehr zur Bebauung in An- spruch zu nehmen, da die neu bebauten Flächen für den Anbau von Nahrungsmitteln, für Grünlandwirtschaft und für die Rege- neration der Natur fehlen. AuchWald ist von großer Bedeutung, denn die Bäume wandeln Kohlendioxid in Sauerstoff um und er- zeugen kühle Luft“, erläutert Jürgen Rauch. Daher sollte eine in- telligente Stadtplanung dafür sorgen, dass die kühlere Luft aus Kurzvita Jürgen Rauch Der Diplom-Ingenieur Jürgen Rauch ist Architekt und Stadtplaner und war von 2000 bis 2012 Vizepräsident der VfA und Vertreter der deutschen Architektenschaft im Architects‘ Council of Europe (ACE). Er studierte an der Technischen Universität (TU) München und an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) Architektur und promovierte in einem ingenieurtechnischen Bereich an der TU München, dem Bau von Untergrundbahnhöfen. Während seiner beruflichen Laufbahn arbeitete er auf vielen Gebieten der Architektur: vom Wohnungsbau über Gewerbe- und Industriebau bis hin zum Verkehrsbau. Von 2015 bis 2021 war er Stadtbaumeis- ter und Leiter des Baureferats in Sonthofen, Landkreis Oberallgäu. Heute arbeitet er als freischaffender Architekt und Stadtplaner, Sachverständiger und Industrieberater im Infrastrukturbereich. Er ist seit 2024 Obmann für Städtebau und Landesplanung für das Prä- sidium der VfA.

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