Talis 2026

114 Ein Beispiel für diesen Ansatz und die Arbeitsweise des Bü- ros Weihrauch + Fischer ist die Innenstadt von Fröndenberg an der Ruhr. In mehreren Bauabschnitten wurde der bestehen- de Stadtraum neu geordnet und weiterentwickelt unter dem Anspruch, nachhaltige, langlebige und lebendige Flächen zu schaffen. Statt auf Einzelobjekte setzt das Konzept auf ein ver- bindendes Element, das sowohl funktional als auch atmosphä- risch überzeugt: Der Stadtboden schafft Orientierung, ver- knüpft Plätze, Straßen und Gebäude und gibt der Innenstadt eine klare Identität. Ergänzt wird dieses Grundgerüst durch gezielte Aufenthaltsangebote, robuste Materialien und ein dif- ferenziertes Vegetationskonzept. „Schatten, Wasser, Spiel und Rückzugsmöglichkeiten sind gleichberechtigt mitgedacht“, er- läutert die Projektleiterin. Sie weiß, dass Innenstädte heute vielen unterschiedlichen Anforderungen gleichzeitig gerecht und daher Umnutzungen und Anpassungen bestehender Räume vorgenommen werden müssen. Gerade vor dem Hintergrund von Klimawandel und Stadtentwicklung gehe es zunehmend um Fragen wie Entsiege- lung, Begrünung, Wasserführung oder Mikroklima. Gleichzeitig plädiert die Landschaftsarchitektin für Realismus: Nicht jeder Platz müsse zwangsläufig begrünt sein, entscheidend sei die Angemessenheit für den jeweiligen Ort. Priorität hat es für das Team von Weihrauch + Fischer jedoch, Orte zu entwickeln, die von den Menschen gerne genutzt werden und eine eigene Iden- tität entfalten können. Daher ist Susanne Weihrauch stolz, dass genau dieser Plan in Fröndenberg aufging: „Dort funktioniert der Stadtraum als alltäglicher Aufenthaltsort für Familien, Ju- gendliche, ältere Menschen und Besucher gleichermaßen.“ Kleine Maßnahmen, große Wirkung Ein weiteres Beispiel für die Umgestaltung einer Innenstadt mit wenigen Maßnahmen ist Warstein. Hier sollte der Marktplatz, der im Spannungsfeld zwischen der imposanten Kirche St. Pan- kratius und dem neuausgerichteten Rathaus liegt, als zentra- ler öffentlicher Raum aufgewertet werden. Ausgangspunkt im Wettbewerbsverfahren, das Weihrauch + Fischer für sich ent- schied, war die Frage, wie sich der Stadtraum öffnen lässt – weg vom dominierenden Asphalt, hin zu einem Platz, der Fassaden, Freiräume und Nutzungen für Fußgänger erlebbar macht. „Ge- rade dieses Projekt zeigt, dass Planung selten geradlinig ver- läuft, sondern vom erneuten Prüfen, Verwerfen undWeiterden- ken lebt – und dass aus dieser Bewegung am Ende tragfähige, angenommene Lösungen entstehen können“, berichtet Susan- ne Weihrauch. Ihr Konzept setzt auf eine klare räumliche Ordnung mit stringenten Baumpflanzungen und präzisen Raumkanten, die einen offenen Marktplatz mit differenzierten, baumüberstan- denen Teilräumen entstehen lassen. Die vorhandene Oberflä- chenstruktur wurde dabei bewusst weitergeführt und durch gezielte Eingriffe präzisiert. Da die Aufenthaltsqualität jedoch aufgrund von fehlender Belebung an den Platzrändern und unterbrochenen Raumfolgen insbesondere zum Dr.-Segin- Platz hin und im Umfeld von Kirche und Gemeindezentrum geschwächt war, galt es, mit wenigen, aber wirksamen Maß- nahmen im Entwurf entgegenzuwirken: Dies bedeutete für Susanne Weihrauch und ihr Team klar gesetzte Platzobjekte, neue Nutzungsangebote und eine Neuorganisation von Ver- kehr und Aufenthalt. „Durch die Verlagerung der Parkplätze unter die Baum- kronen entlang der Kirchenflucht wurde der Dr.-Segin-Platz weitgehend vom ruhenden Verkehr befreit. Hier entstand eine offene Platzsituation, die gleichermaßen Raum für Gastrono- mie, Aufenthalt und informelles Spiel bietet“, beschreibt die engagierte Landschaftsarchitektin. Sie ergänzt: „Ein besonde- res Element ist der sogenannte ,Holzstapel‘, eine aus Podesten unterschiedlicher Höhen aufgebaute Sitz- und Erlebnisland- schaft.“ Die Elemente gehen ineinander über, laden zum Sitzen, Liegen und Klettern ein und sprechen damit unterschiedliche Altersgruppen an. Ergänzt wird dies durch einen unter den Bäu- men angeordneten Spielbereich mit direktem Blick auf die Kir- che. „Ein Ort, an dem Geschichte und Alltagsnutzung bewusst Freianlagen im öffentlichen Raum PROJEKTE & KONZEPTE Der Dr.-Segin-Platz in Warstein ist ein Beispiel dafür, wie wenig es manchmal braucht, um viel zu erreichen. Mit überschau- baren Maßnahmen – unter anderem der Verbannung des Autoverkehrs – wurde die Aufenthaltsqualität in der Stadtmitte spürbar erhöht und es entstand Freiraum, den nun die Gastronomie nutzt. Visualisierung der innerstädtischen Umgestaltungsmaßnahmen in Warstein.

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