Talis 2026

121 Gleisbau PROJEKTE & KONZEPTE Eine der größten Herausforderungen im Bahnbau ist den Gleis- bauexperten zufolge das Planen und Bauen im laufenden Be- trieb. Züge würden weiterfahren, während Gleise, Bauwerke oder Stellwerke erneuert würden. Klassische Bauabläufe funk- tionierten hier nicht. Stattdessen werde halbseitig gebaut, um- gelegt, provisorisch abgesichert, und das oft über Jahre hinweg. Darüber hinaus sei es keine Seltenheit, dass Sperrpausen drei Jahre im Voraus angemeldet werden müssten, damit sie in die Fahrpläne eingearbeitet werden könnten. Güter- und Perso- nenverkehr, Umleitungen und auch Kapazitätsverluste – all das müsse weit im Voraus simuliert werden. Gleichzeitig bleibe die Planung nicht statisch: Anforderungen änderten sich, politische Entscheidungen verzögerten oder beschleunigten die Prozesse der jeweiligen Projekte. „Wir müssen in festen Zeitfenstern pla- nen, während sich Rahmenbedingungen laufend verschieben“, erklärt Jens Unger, dessen Team die Bauablaufkonzepte entwi- ckelt, während die detaillierte Umsetzung später durch ausfüh- rende Unternehmen, die sich innerhalb enger Zeitkorsetts be- wegen müssen, erfolgt. Jahrzehnte vorausdenken und -planen Hinzu kommt die konstante Herausforderung, wirtschaftlich und zugleich nachhaltig zu planen, ohne Abstriche bei Sicher- heit und Qualität zu machen. „Wie schaffen wir es, Infrastruktur zu bauen, die nicht nur heute funktioniert, sondern auch in 50 Jahren noch tragfähig ist? Das sind die Fragen, die uns jeden Tag antreiben, die unsere Arbeit aber auch so spannend machen“, benennt Unger einen weiteren wesentlichen Aspekt, den es bei seiner täglichen Arbeit zu berücksichtigen gilt. Dabei würden ihm Projekte, bei denen er und sein Team früh eingebunden wer- den und das Ergebnis von der ersten Idee bis zur Inbetriebnahme mitgestalten könnten, die größte Freude bereiten, ergänzt er. Die Vielfalt der Tätigkeiten im Gleisbau wird besonders deutlich anhand konkreter Projekte, die unterschiedliche Maß- stabsebenen und Anforderungen abbilden. Ein aktuelles Bei- spiel, das zu den zentralen Infrastrukturmaßnahmen in Mittel- deutschland zählt, ist die Elektrifizierung und der zweigleisige Ausbau der Bahnstrecke zwischen Leipzig und Chemnitz, auf der Zuggeschwindigkeiten von bis zu 160 Stundenkilometern mög- lich werden sollen. In dem Südabschnitt zwischen Geithain und Chemnitz werden auf einer Länge von 37 Kilometern dafür unter anderem rund 30 Kilometer Gleis neu gebaut, 35 Weichen in- tegriert, sechs elektronische Stellwerke, 30 Eisenbahnüberfüh- rungen, sechs Bahnhöfe mit 16 Bahnsteigen angepasst oder neu errichtet und 77 Kilometer neue Oberleitung verlegt. Planungen mit BIM Hinter dieser Aufzählung verbirgt sich ein äußerst komplexer Prozess: Die mechanische sowie elektromechanische Technik werden Schritt für Schritt auf moderne, digitale Stellwerkstech- nik umgestellt. Dafür wird zunächst die neue Technik parallel zumweiterlaufenden Betrieb aufgebaut. Erst danach erfolgt die Umstellung einzelner Streckenabschnitte. Dabei müssen Min- destabstände zu Betriebsgleisen eingehalten, Geschwindigkei- ten reduziert und Baustellen technisch geschützt werden. Jede Bauphase ist ein eigener planerischer Zustand, inklusive stati- scher Nachweise, Sicherungskonzepte und detaillierter Zeitab- läufe. „Man kann nicht einfach eine Strecke sperren und losbag- gern“, beschreibt Jörg Meitzner. Vielmehr müssten Kabel verlegt, redundant betrieben und später wieder zusammengeführt werden. Leit- und Sicherungs- technik, Telekommunikation und Energieversorgung griffen inei- nander. „Die Strecke steht exemplarisch für einen echten Beitrag zur Mobilitätswende: Pendlerverbindungen werden attraktiver, Ortschaften entlang der Strecke profitieren von besserer Er- reichbarkeit. Fachlich reizt uns besonders, dass wir die gesamte Planung durchgängig mit BIM-Methodik umsetzen“, erklärt der Geschäftsführer mit Sitz in Dresden. Hierfür werden sämtliche Daten in einem dreidimensionalen Modell gebündelt, Planungs- konflikte zwischen den Gewerken frühzeitig erkannt und das fertige Modell dient später als Grundlage für Betrieb und In- standhaltung über Jahrzehnte. Knotenpunkt Zwickau Die Sachsen-Franken-Magistrale gehört zu den wichtigsten Schienenkorridoren im deutschen Netz. Hier wird von der GRE Kurzvita Jens Unger Dr. sc. techn. Jens Unger ist seit Dezember 2022 Geschäftsführer der GRE German Rail Engineering GmbH. Er studierte Bauingenieur- wesen an der TU Berlin und promovierte an der ETH Zürich imWas- serbau. Nach leitenden Funktionen in Ingenieur- und Großprojek- ten imWasser-, Hafen- und Infrastrukturbau arbeitete er bei Pöyry/ AFRY unter anderem als Standortleiter Berlin und Bereichsleiter Konstruktiver Ingenieurbau mit Schwerpunkt Bahn- und Straßenin- frastruktur. Ende 2022 wechselte er zur GRE, wo er gemeinsam mit Jörg Meitzner die Geschäftsführung bildet. Unger stammt aus einer Eisenbahnerfamilie und ist Mitglied in diversen Fachverbänden.

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