Talis 2026

43 DEN TRAUMBERUF FINDEN verschiebt den Berufseinstieg unnötig nach hinten. Denn allein der reine Bewerbungsprozess dauert im Durchschnitt ein hal- bes Jahr: Man filtert interessante Büros und Stellenangebote heraus, führt zahlreiche Gespräche, hat bei einem Arbeitgeber sogar schon den Fuß in der Tür – doch dann wird plötzlich das Projekt, auf das man sich beworben hat, gecancelt. Man kann Glück haben, aber sich auch nicht darauf verlassen, schnell sei- nen ersten Job zu finden. Wie kann man der sogenannten „Realitätsklatsche“ entgehen? Oder lässt sich der Praxisschock, von dem viele junge Architekten berichten, gar nicht vermeiden? Hughes: Je genauer ich mir ein Bild mache von der Realität später im Architektur- oder Planungsbüro, desto weniger lau- fe ich Gefahr, von der Praxis unschön überrascht zu werden. Praktika, Mitarbeit bei Kooperationsprojekten, der Besuch von Veranstaltungen der Architektenkammern, Gespräche mit etablierten Kollegen – all das hilft, ein Netzwerk aufzubauen. Besonders Gespräche mit Menschen, die bereits auf der Posi- tion tätig sind, die mich interessiert, sind sehr wertvoll – ich bekomme aus erster Hand Einblick in die Aufgaben, die mich erwarten. Und verstehe besser, welcher Arbeitsbereich zu mir passt. Sind für den Berufseinstieg persönliche Kontakte wichtiger als Bewerbungen über Portale wie Stepstone? Hughes: Unbedingt. Durch KI ist es besonders einfach ge- worden, professionell wirkende Bewerbungsunterlagen zu- sammenzustellen. Ergo bekommen Arbeitgeber auf ihre On- line-Stellenangebote Unmengen an Anschreiben, aus denen der Einzelne nur schwer heraussticht. Beim Netzwerken zwi- schen Menschen entsteht viel schneller Vertrauen. Was bringen Businessplattformen wie LinkedIn? Welche „Do’s and Don’ts“ gelten hier? Hughes: LinkedIn ist ein Tool, um im Gespräch zu bleiben, Kontakte zu pflegen, mich kontinuierlich mit anderen Usern auszutauschen. Wenn ich einen interessanten Menschen auf einer Veranstaltung kennen gelernt habe, sollte ich ihn auch auf LinkedIn kontaktieren. Was oft unterschätzt wird, ist die Reichweite, die mein Netzwerk durch die Kontakte von Kon- takten erzielt. Viele nutzen ihr Profil wie eine digitale Bewerbungs- mappe, präsentieren ihre Kompetenzen und Projekte. Ist das empfehlenswert? Hughes: Ja, für viele hat das Posten Priorität. In meinen Au- gen bringt sie das in einem Bewerbungsprozess nicht wirklich weiter. Die Frage ist doch, ob derjenige, der über meine Be- werbung entscheidet, sich meine Onlinepostings tatsächlich anschaut. Je nach Größe des Büros oder Bauunternehmens wird der Recruiting-Prozess eher von der Geschäftsleitung gesteuert und nicht von einer Personalabteilung oder einem Recruiting-Team. Man sollte sein Onlineprofil pflegen, aber auch nicht zu viel Zeit darauf verschwenden. Wie offensiv sollte man sich im Vorstellungsgespräch präsentieren? Hughes: Ein selbstbewusstes Auftreten ist gut, aber es darf nicht in Überheblichkeit münden. Ideal ist eine gesunde Mi- schung aus Neugier, Realismus und Lernbereitschaft. Seinen Lebenslauf nicht einfach nüchtern wiedergeben, sondern be- richten, wie man an Projekte herangegangen ist, wie man He- rausforderungen im Studium und im Leben gemeistert hat. Denn dadurch zeigt man sich als Mensch, demonstriert Pro- blemlösungskompetenz. Es ist völlig okay, sich im Gespräch zu verhaspeln oder Fehler zu machen, denn das wirkt authen- tisch. Außerdem sollte man eh möglichst viele Gespräche füh- ren, um Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln. Und auch sich selbst besser kennenzulernen. Dadurch erhält man sich die eigene emotionale Unabhängigkeit – für junge Einsteiger ein zentraler Punkt. uv Jobsuche und Bewerbung Kurzvita Bastian Hughes Der Recruiting- und Karrierecoach Bastian Hughes ist Gründer des Beratungsunternehmens „Berufsoptimierer“, Ex-Recruiter und Podcast-Host. Außerdem ist er Gründer von Candooze - ein Un- ternehmen für Incentives & Benefits - sowie Moderator des Be- rufsoptimierer-Podcasts. Seit mehreren Jahren unterstützt er als Trainer, Coach und Berater seine Klienten bei allen Themen rund um Bewerbung und Karriere. Als Ex-Personaler mit zehn Jahren Erfahrung in Konzernen und im Mittelstand, ausgebildeter systemischer Coach und Change-Ma- nager sowie Betriebswirt mit Schwerpunkt Marketing, weiß der Fachmann worauf es bei der Bewerbung und im Vorstellungsge- spräch ankommt und wie man authentisch und erfolgreich über- zeugt. Seit 2017 ist er als Karriere-Coach tätig und hat nach eige- nen Angaben in über 3.000 Coaching-Stunden Menschen in ihrer beruflichen Entwicklung unterstützt.

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